Im Sommer 2014 hatte ich gerade mein Bachelorstudium in Weimar abgeschlossen. Mit dem Zeugnis in der Tasche, wartete ich auf die Zusage für meinen Masterplatz in Medienmanagement, den ich ebenfalls in Weimar antreten wollte. Es war ein ganz normaler Sommer in Weimar, mit lauen Nächten, schicken Kulturveranstaltungen, massenweise Touristen und Partys in der M18.

Aber eine Kleinigkeit war anders: Der Spiegel hatte einen Artikel über Weimar geschrieben. Aufgrund von Goethe, Bauhaus oder Buchenwald ist das nicht so wahnsinnig ungewöhnlich, aber dieses Mal ging es um ein Restaurant. Ein Restaurant, das weder seit 200 Jahren existiert, noch von Nietzsche besucht wurde und auch keinen Michelin-Stern erkocht hat, nein, es ging um die Abschlussarbeit von Hannes Schmidt.

Restaurant in Weimar die Luecke
Upcycling Restaurantkonzept

Bei gutem Wetter erhöht sich die Anzahl der Sitzplätze der Lücke drastisch

Eine Abschlussarbeit sorgt deutschlandweit für Aufsehen

Hannes hatte ein upcycling Restaurant gebaut. Wände aus den Holzbalken einer alten Scheune, gebrauchte Fenster in verschiedenen Größen, Palettenmöbel, ein Tisch aus einem Zaun und Porzellan aus der Feder einer Produktdesign-Studentin. Alles wurde von ihm und seinen Freunden selbst zusammengebaut und nach dem Sommer wieder zerlegt. Er stand selbst in der Küche und zauberte Gerichte aus lokalen Zutaten.

Ein Sommer mit einer Menge Aufsehen: Für das Projekt, für den Standort in der Marienstraße, gleich neben der Mensa, und für Hannes, der sein Studium mit einer 1,0 abschloss.

Speisekarte die Lücke

Die Speisekarte wird regelmäßig neu geschrieben. Darauf zu finden sich regionale und saisonale Gerichte.

Die Lücke ist zurück in Weimar

Fünf Jahre später baumelt das selbstgebastelte „Die Lücke“ Schild wieder am Baum in der Marienstraße. Die Lücke ist zurück! Mit ihr Hannes, ein über Facebook zusammengesuchtes Gastro-Team und eine wöchentlich wechselnde Karte von Gerichten aus allem, was die Region zu bieten hat.

Damals, als arme Studentin war mir ein Essen in der Lücke zu teuer. Das hat sich jetzt ein bisschen geändert und so habe ich das temporäre Restaurant diesen Sommer schon zweimal besucht. Und damit ihr das alle auch noch schnellstens erledigt, ist dieser Artikel längst überfällig. Am 17. August schließt die Lücke ihre Türen, wird zerlegt und verschwindet wieder aus dem Weimarer Stadtbild.

pop up restaurant weimar

Willkommen zurück! Anlässlich des Jubiläums von 100-Jahren Bauhaus in Weimar, kommt die Lücke für einen Sommer zurück.

Auf der Karte der Lücke stehen wöchentlich wechselnd verschiedene Speisen, die sich an der saisonalen und regionalen Verfügbarkeit orientieren. In der Regel sind das zwei Hauptspeisen (eine ist immer vegetarisch), eine Vorspeise und ein Dessert.
Preislich bewegen sich Vorspeisen und Desserts bei ca. 6-10 € und die Hauptspeisen zwischen 10-20 €.

Lokale und saisonale Gerichte mit Zutaten aus der Region

Dazu gibt es eine breite und ebenfalls regional geprägte Getränkeauswahl. Sortenreiner Apfelsaft von der Mosterei Linde aus Suhl, Liköre von der Mosterei Pfotenhauer aus Bad Berka, Wein aus dem Saale-Unstrut Gebiet und selbstgemachte Limonade mit Kräutern aus dem eigenen Hochbeet.

Sommercocktail

Der erfrischende Mai-Tai des Nordens: Sanddornlikör, der wie die Sonne strahlt und dazu Sekt, Mineralwasser und Rhabarber-Thymian-Sirup

Sich bei den Speisen zu entscheiden fällt, dank der sehr kleinen Auswahl, erfreulicherweise nicht schwer: einmal alles bitte! Bei unserem ersten Besuch bedeutet das: Waldorfsalat, gebratene Süßkartoffelplätzchen mit geschmorten Karotten, Schweinebacke mit Apfelchutney und Kartoffelstampf sowie ein Topfenmousse mit Himbeer-Weißwein-Grütze.

Die Lücke Weimar

Kommunikation ist erwünscht! In der Lücke gibt es keine kleinen Tische, nur große Tafeln zum gemeinsam speisen.

You’ll never eat alone

Bevor die Vorspeise serviert wird, stoßen wir mit einem „Mai-Tai des Nordens“ auf den Abend an. Der Aperitif aus Sanddornlikör, Sekt, Mineralwasser und Rhabarber-Thymian-Sirup ist erfrischend und angenehm unsüß. Perfekt für diesen lauen Sommerabend, den wir streng genommen nicht in der Lücke, sondern davor verbringen. Unter Sonnensegeln lässt es sich zwischen den Kräuter- und Gemüsebeeten ganz hervorragend sitzen.

Genau wie im Innenraum der Lücke, gibt es auch draußen ausschließlich große Tische. Zum Konzept gehört es, dass man sich die Tische teilt, sich kennenlernt und Gemeinschaft erlebt.

Alles in der Lücke ist unheimlich sympathisch und authentisch. Speisekarte, Social-Media Auftritt, Kellner, Konzept. Würde ich ein Restaurant eröffnen – wahrscheinlich wäre es der Lücke nicht unähnlich.

Waldorfsalat

Das perfekte Sommergericht: Waldorfsalat, frisch, knackig und sättigend

Dann kommt der Waldorfsalat und er ist zum niederknien. Ich bin ja sowieso ein Selleriefan und in der Kombi mit Walnüssen, Äpfeln, Lauchzwiebeln und einem frischen Dressing ist dieses Gemüse einfach lecker. Die perfekte Balance zwischen Süße, Salzigkeit und Umami-Geschmack führt dazu, dass ich nicht aufhören möchte zu essen. Das Dressing sorgt zusätzlich für eine cremig-sämige Konsistenz, die angenehm mit dem knackigen Gemüse konkurriert.

Restaurant in Weimar

Ein rund herum ausgewogenes Gericht: Süßkartoffelplätzchen, mit Karotten, Zwiebeln und Kräuterquark

Weiter geht es dann mit den gebratenen Süßkartoffelplätzchen, die mit geschmorten Karotten, roten Zwiebeln einem Salat und Kräuterquark serviert werden. Die Plätzchen fallen zuerst durch ihre interessante Würze auf. Ist das Thymian?

Konsistenzmäßig sind sie sehr weich, was geschmacklich aber keine negativen Auswirkungen hat. Obwohl mit Süßkartoffel und Karotte zwei eher süße Gemüsesorten gewählt wurden, ist das Gericht nicht langweilig. Das liegt zum einen am Zitronendressing über dem Salat (das ohne den typischen Joghurt auskommt) und zum anderen an dem erfrischenden Kräuterquark.

Das Gericht ist leicht, sommerlich und ideal für einen Abend wie diesen.

Pop up Restaurant Weimar

Schweinebäckchen mit Kartoffelbrei und toller dunkler Soße

Das zweite Hauptgericht überzeugt durch qualitativ sehr hochwertiges Schweinefleisch. Die Schweinebäckchen zerfallen, sobald sie die Gabel sehen. Dazu gibt es eine leckere dunkle Soße und Kartoffelbrei. Dieser ist ein bisschen krümelig und überzeugt mich nicht. Das liegt aber vielleicht an der sehr frischen Erinnerung an einen genialen Kartoffelbrei im Seewirt.
Insgesamt ein eher klassisches Gericht, das jedoch gut zubereitet ist und sehr gut schmeckt.

Topfenmousse

Topfenmousse mit Himbeer-Weißwein-Grütze. Anders als erwartet und so richtig gut.

Während wir uns an den ausnehmend leckeren Getränken und der tollen Atmosphäre erfreuen, wird uns bald das Dessert serviert. Topfenmousse klingt ja schon ziemlich toll – und es enttäuscht uns nicht. Die dazu angerichtete Grütze aus frischen Himbeeren und Weißwein ist wieder angenehm unsüß. Der Weißwein ist deutlich herauszuschmecken und sorgt für einen tollen Säurekick. Das Topfenmousse ist unschlagbar cremig. Nicht auf diese Art mit Luftblasen und Schaumigkeit, sondern eher so, wie nicht ganz steif geschlagene Sahne. Sehr gut!

Burger in Weimar

Zur Summaery gab es vegetarische und konventionelle Burger. Beide mit einem besonderen Kick und kein Stück langweilig.

Tatsächlich habe ich gar nicht so sehr damit gerechnet, dass das Essen in der Lücke so gut ist. Ich hatte eher einen Abend in einzigartigem Ambiente mit gutem (aber nicht herausragendem) Essen erwartet. Ich wurde positiv überrascht! Auch bei unserem zweiten Besuch hat es mir gut gefallen. Da dieser Besuch zur diesjährigen Summaery stattfand, gab es im Restaurant ausschließlich Burger. Diese waren allerdings auch sehr gut und besonders.

Porzellan und Lampen sind handgefertigte Designerstücke

Apropos besonders: ein gutes Stichwort um noch kurz auf das diesjährige Geschirr einzugehen. Hierbei handelt es sich um B-Ware von schlichtem, weißen Kahla Porzellan. Jedoch wurde von Designerin Susann Paduch jeder der Makel auf dem Porzellan in Szene gesetzt. Sieht toll aus und ist nebenbei noch eine schöne Botschaft an die Wegwerfgesellschaft.

Also, hin da! Ihr habt nur noch bis zum 17.8. Zeit!

P-Bank Weimar

In der P-Bank wird Phosphor aus Urin gewonnen und direkt zum düngen der Gemüsebeete verwendet

Reservieren könnt ihr in der Lücke nicht. Vor allem bei gutem Wetter gibt es aber relativ viele Plätze und ihr könnt es ganz optimistisch einfach versuchen.

PS. Nicht versäumen solltet ihr bei eurem Besuch auch auf der Toilette vorbeizuschauen. Denn typisch Weimar, auch diese ist ein innovatives Uniprojekt: die P-Bank. In der Toilettenanlage wird aus Urin Phosphor gewonnen, welcher dann zum Düngen verwendet werden kann. Mehr Infos findet ihr vor Örtchen.

Die Lücke

https://www.facebook.com/LueckeWeimar/
Marienstraße 11
99423 Weimar

Öffnungszeiten:
Di – Fr: 12-14 Uhr & 18-22 Uhr
Sa & So: 12-22 Uhr

  • Gaumenwertung 7,5/10
  • Gesamterlebnis 8,0/10
„Fabelhaft, ein tolles und besonderes Menü!“
DETAILIERTE BEWERTUNG
Mira
Flo
Mira&Flo
Gaumen 8,0/10 Gaumen 7,0/10 Gaumen 7,5/10
Getränke 9,0/10 Getränke 8,5/10 Getränke 8,8/10
Atmosphäre 9,0/10 Atmosphäre 8,5/10 Atmosphäre 8,8/10
Service 8,0/10 Service 8,5/10 Service 8,3/10
Gesamterlebnis 8,3/10 Gesamterlebnis 7,6/10 Gesamterlebnis 8,0/10

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