In einem Restaurant ein spannendes vegetarisches Menü zu finden, ist leider immer noch schwer. Wenn es mal gelingt, dann eher in Berlin (zuletzt im Bob & Thoms) und nicht in irgendeinem Kuhkaff in Bayern. Oder?

Der aufmerksame Leser mag es vermuten: Genau das ist passiert! Wir haben die Speisekarte des „Freistil.“ erblickt und waren sofort interessiert. Sie ist in zwei Spalten unterteilt: Fleisch & Fisch und vegetarisch. In beiden Kategorien gibt es je zwei Vorspeisen, zwei Hauptspeisen und zwei Desserts zur Auswahl. Der Gast kann sich daraus ein Menü mit 3, 4, 5 oder 6 Gängen zusammenstellen – oder á la Carte bestellen. Die Preise bewegen sich zwischen 33 und 65 €. Die Weinbegleitung kostet 30 €.

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Noch etwas anderes hat uns am Restaurant besonders angesprochen. Es ist Slowfood-Mitglied und setzt dementsprechend auf regionale und saisonale Zutaten. Diese werden geistreich in internationalen Gerichten verwendet: Die Kalbshaxe vom Schweineberg wird zum Beispiel im asiatischen Bao Bun serviert.

Essen gehen im Allgäu

Der Gruß aus der Küche.

Wir starten unseren Abend im Freistil. mit einer kleinen Wanderung. Unsere Unterkunft liegt im knapp 3 Kilometer entfernten Sonthofen und wir beschließen, dass der Sommerabend genau richtig dafür ist, uns vor und nach dem Menü ein bisschen zu bewegen. Auch wenn die Strecke teilweise ziemlich steil ist, kann ich das jedem empfehlen. Oder man bleibt direkt im ans Restaurant angeschlossene Alpenhotel Dora.
schickes Restaurant in der Nähe von Sonthofen
Das Restaurant Freistil. ist modern und doch natürlich eingerichtet.
Das Ambiente im Freistil. ist hip und trotzdem gemütlich. Viel Holz, große Fenster mit Blick auf die Berge, modernes Interieur. Wir lassen den Innenraum allerdings heute links liegen und setzen uns auf die Terrasse, gleich neben das kleine Kräuterbeet.

Als Sundowner und Aperitif wählen wir ein Getränk, ganz nach meinem Geschmack. Einen Drink aus Vermouth, Quitte und Ginger Ale. In der alkoholfreien Variante mit einem Trinkessig aufgepeppt. So kann es losgehen!

Kürbiskernbrot im Restaurant Freistil

Eines der besten Brote, die ich jemals gegessen habe.

Gleiches trifft auf das gereichte Kürbiskernbrot zu. Ihr wisst mittlerweile, wie wichtig uns ordentliches Brot ist und hier wird ein Paradebeispiel serviert. Fluffig, frisch und geschmackvoll ist es beinah schade, dass es sowohl mit der aufgeschlagenen Salzbutter als auch mit dem Kräuteröl so köstlich ist. Denn auch ganz ohne alles, ist es schon ein Genuss. Was soll ich sagen, hätte es den ganzen Abend nur dieses Brot gegeben, so wären wir dennoch höchst zufrieden nach Hause gegangen.

Es kommt aber noch besser, denn es gibt mehr als Brot. Die Küche unter Leitung von Constantin Kiehne grüßt mit gelber Bete und in Gurke gewickeltem Frischkäse.

Kalbstatar

Tadaaa: Das Tatar.

Weiter geht es mit einem Kräuterschaumsüppchen und einem Kalbstatar. Die Suppe ist zwar etwas arg salzig, aber dennoch sehr lecker. Beim Tatar ist die gute Qualität des Kalbsfleisches durch nichts überdeckt. Es ist ein sämiges, würziges Vergnügen, das durch die Kombination mit gelber Bete und Apfelpüree verstärkt wird. Dazu gibt es einen Wildkräutersalat, der durch eine köstliche Vinaigrette besticht.

Als Hauptspeise bringt uns der ausgesprochen entspannte und professionelle Kellner Saibling und Erbsenfalaffel.

slow food sonthofen
Viele Gerichte im Restaurant Freistil sind mit regionalen Zutaten zubereitet. Dieser Saibling hatte zum Beispiel einen sehr kurzen Anreiseweg aus Gunzesried.
Der Saibling, der aus dem nahegelegenen Gunzesried stammt, hätte noch ein bisschen Salz vertragen können, jedoch wird dieser kleine Mangel durch den Buchweizen auf dem Teller ausgeglichen. Dessen säuerliche Note passt hervorragend zum Fisch. Beeindruckt sind wir auch vom Spargel (grün und weiß), der perfekt gegart ist. Ich kann gar nicht sagen ob in Pfanne, Topf oder auf dem Grill. Jedenfalls ist er knusprig aber nicht mehr roh, ist geschmacksintensiv aber nicht in Würze ertränkt. Spontan würde ich sagen, dass ich noch nie besseren Spargel gegessen habe.
vegetarisches Restaurant im Allgäu
Ein grünes Träumchen: Falaffelbällchen mit Erbsenfüllung, Brokkoliröschen, Erbsenpüree und Kräutertopfen.
Um gleich mit meiner Begeisterung anzuschließen möchte ich kurz von der Erbsenfalaffel berichten. Beim Lesen klingt das irgendwie nicht so spannend, aber weit gefehlt! Es ist richtig gut. Zu den drei krossen Falaffelbällchen mit Erbsenfüllung, gesellen sich einige Brokkoliröschen, Erbsenpüree und ein fabelhafter Kräutertopfen auf den Teller. Alles zusammen bietet ein vortreffliches Zusammenspiel verschiedener Konsistenzen und Geschmäcker.

Zur Krönung dieses schönen Abends werden bald die Desserts serviert. Mittlerweile ist es recht frisch auf der Terrasse und die untergehende Sonne strahlt orange auf die Berge.

Himbeersorbet mit Thymian
Himbeersorbet mit feiner Thymiannote.
Wir haben uns für eine Hefeküchlein mit Marille, Himbeersorbet und Rahm entschieden. Das Küchlein, was wohl der Star dieses Gerichts sein sollte, ist leider das Gegenteil. Jedoch trösten die restlichen Komponenten über diesen Missgriff hinweg. Das Himbeersorbet hat eine sehr neckische Thymiannote und verträgt sich fabelhaft mit dem Rahm. Selbst die Himbeeren, die den Teller zieren sind toll und kein bisschen wässrig. Sie schmecken wie direkt vom Strauch.
Dessert aus Käse
Käse, Rhabarber und Staudensellerie: klingt komisch und schmeckt auch so.
Das zweite Dessert ist ein bisschen verrückt: Es handelt sich um geriebenen Bergkäse auf einem Kompott aus Rhabarber. Dazwischen ist Staudensellerie und Kerbel zu finden. Während Flo das köstlich findet, ist mir der Käse zu mild, um einen echten Effekt zu haben. Mich erinnert er, wie er da so in Raspeln liegt, irgendwie an Plastik. Geschmackssache also. Aber mutig und spannend ist es auf jeden Fall.

Zuguterletzt ein Abschnitt, den ich hoffentlich bald löschen kann, aber ein Thema, das trotzdem lobende Erwähnung finden soll: Das Corona-Konzept im Freistil. Es ist das Beste, das ich in den letzten Wochen gesehen habe. Die Karte gibt’s online oder als Aufsteller, auf den Tischen liegen Tüten für die Masken, es gibt Hinweisschilder und sehr professionell agierenden Service. Alles wirkt sehr durchdacht. Absolut super!

Aussicht Alpenhotel Dora
Zum tollen Essen im Restaurant Freistil gibt es eine zauberhafte Aussicht gratis dazu.
Es gibt im Menü ein paar Komponenten, die nicht 100% perfekt waren, aber das war überhaupt nicht schlimm, denn jeder kleinen Verbesserungswürdigkeit stand ein umso besseres Geschmackserlebnis entgegen. Das Menü war spannend, abwechslungsreich und wirklich lecker. Die Zusammenstellungen sind ambitioniert und wie anfangs gesagt, man würde sie eher in Berlin erwarten als auf dem Schweineberg. Aber hier ist es viel schöner, denn hier kann man beim Alpenglühen satt und sehr zufrieden den Spaziergang nachhause antreten. Dabei bietet das Menü genug Gesprächsstoff über Zutaten und Zubereitung und ich bin sicher: das ist kein Urlaubsessen, dass schnell in Vergessenheit gerät, sondern eine Investition in neue kulinarische Referenzen.

Infos in Kürze:

Restaurant Freistil. im Alpenhotel Dora
Schweinberg 20, 87527 Ofterschwang

Öffnungszeiten:
Frühstück
täglich 8.00 – 10.30 Uhr & Sonntag 8.00 – 13.00 Uhr

Mittag
täglich 12.00 – 14.30 Uhr
Do. & So. geschlossen

Kaffee & Kuchen
täglich 14.00 – 17.00 Uhr

Abend
täglich 18.30 – 21.00 Uhr
Do. & So. geschlossen

https://kiehnes-freistil.de/

  • Gaumenwertung 8,5/10
  • Gesamterlebnis 8,6/10
„Sensationell, wir wollen nicht aufhören zu essen!“

DETAILIERTE BEWERTUNG

Mira
Flo
Mira&Flo
Gaumen8,5/10Gaumen8,5/10Gaumen8,5/10
Getränke9,0/10Getränke8,5/10Getränke8,8/10
Atmosphäre8,0/10Atmosphäre8,5/10Atmosphäre8,3/10
Service9,0/10Service9,0/10Service9,0/10
Gesamterlebnis8,6/10Gesamterlebnis8,6/10Gesamterlebnis8,6/10